>>>Ode an die spanische Bar
Foto: DryMartini

Ode an die spanische Bar

260.000 Lokale machen Spanien weltweit zum Land mit der größten Dichte an Bars. Von den Klassikern bis zur Avantgarde – wir berichten über die Bars, die Sie nicht verpassen sollten.
S
prüche wie „In Spanien sterben jedes Jahr 1000 Menschen beim Sport und 47 an der Theke einer Bar … entscheiden Sie selbst“ oder „Hier sind die Biere kälter als das Herz deiner Ex“ gehören zur Literatur der spanischen Bars, geschrieben mit Kreide auf einem Schild an der Tür. Die Bars sind ein Schlüsselelement der Kultur und ein zuverlässiger Anzeiger der wirtschaftlichen Gesundheit: Das Kneipengeschäft in Spanien macht 15 Prozent des BIP aus, doppelt soviel wie im europäischen Durchschnitt. Sie sind das zweite Zuhause für viele Spanier, in einem Land, in dem auf 175 Personen ein Lokal kommt.
Im Tickets kann man Häppchen wie Ciabatta mit Räucheraal mit Sojaschleier probieren.
Foto: Tickets

Das Paradies von Homer Simpson

In Spanien würde Homer Moe‘s Bar nicht vermissen. Nicht nur, weil es hier mehr Kneipen gibt als in den USA. Zum ersten Mal in der Geschichte überstieg 2015 der Bierkonsum in Spanien 3500 Millionen Liter. Das Getränk macht mehr als 56 Prozent des Wachstums im Gastro-Tagesgeschäft aus.

In den touristischen Gegenden, wie im Süden Spaniens, auf den Balearen und den Kanaren, wird diese Zahl noch übertroffen. Die autonome Gemeinschaft Andalusien verzeichnet so viele Bars, wie Norwegen, Finnland, Dänemark und Irland zusammen. Insgesamt 47.000 Einrichtungen, das macht 17 Prozent der Gesamtzahl aus. Flamenco-Musik im Hintergrund, Dekoration aus dem Stierkampf und ein Geranien geschmückter Innenhof machen das El Pimpi in Málaga zum besten Beispiel für eine typisch andalusische Bar. In der Bodeguita Romero (Sevilla) ist die beliebteste Tapa das „Piripi“, ein belegtes Brot mit Bacon, Käse, Kassler, Tomate und Mayonnaise. Mit Wildhäppchen, gegrilltem Kabeljau und Gänseleberpastete mit Ananaskompott ist die Bar Puratasca mitten im Stadtteil Triana eines der It-Lokale der andalusischen Hauptstadt.
 
In Spanien kann man die Außenterrassen der Bars das ganze Jahr über nutzen.
Foto: Carlos Luján

Sprachen lernen

In einer Bar kann man die Liebe seines Lebens finden, zu Livemusik tanzen, köstliche Leckereien probieren und Sprachen lernen. Mit jedem Glas lernt man mehr Leute kennen, kommen Einheimische und Besucher besser ins Gespräch und verbessern ihre Sprachkenntnisse. In der Carmencita Bar sind die Dienstagabende „Bier und Konservation“ gewidmet. Ein perfektes Programm, um bei einem kleinen Abendessen Spanisch zu lernen.

In Madrid und Barcelona gibt es Metro-Pläne, auf denen statt U-Bahn-Stationen Bars eingezeichnet sind. Das Casa Camacho in Madrid (U-Bahn Tribunal) ist eine besonders urige Bar. Sie wurde 1928 eröffnet und seither wurde wenig verändert. Sie liegt im Bohème-Stadtteil Malasaña, wo Hipster mit Hornbrille auf Anzugträger treffen. Zur Aperitif-Zeit verwandelt sich der Boden in ein Meer aus Zahnstochern – dank der Hipster, die sich an der Theke drängeln, um einen der besten Wermuts vom Fass zu ergattern, und dank der Nachbarn, die hier in bequemer Hauskleidung ihren Gin genießen. Ein weiterer interessanter Ort für Touristen ist das Casa Lucio. Es befindet sich an der Cava Baja und seine Spiegeleier, die berühmtesten der Welt, haben schon Tom Cruise, David Beckham und Bill Clinton an einen der Tische gelockt.
Das Tickets befindet sich im ehemaligen Gebäude eines Autohändlers an der belebten Avinguda Paral.
Foto: Tickets
Neben dem eher traditionellen Spanien und den typischen Requisiten der spanischen Bar – Spielautomat, bedruckte Servietten und Zahnstocher – setzen viele Lokale auf Erneuerung. Sie werden modernisiert und nach und nach vom Konzept der „iBars“ erobert – Lokale, die man aufsucht, nachdem man die Bewertung anderer Besucher im Internet gelesen hat. Die „iBars“ veröffentlichen online verführerische Angebote und nutzen die sozialen Netzwerke, um ihre Spezialitäten zu zeigen und das Feedback der Kunden zu erhalten.
„Die Bars sind wie Kirchen: Der Tresen ist der Altar, der Barmann der Priester und der Cocktail die Opfergabe“, erklärt Javier de las Muelas, dessen Lokal Dry Martini (Barcelona) zu den besten 50 Kneipen der Welt zählt. Mit einem Michelin-Stern wurde die Tapa-Kultur im Tickets (Barcelona) ausgezeichnet. Das Lokal wird von Albert Adrià geleitet, dem Bruder des Chefkochs Ferrán Adrià, und das „tapear“, das Probieren mehrerer Tapas, wird hier zu einem überraschenden Erlebnis. Das Lokal ist in sechs Tresenbereiche aufgeteilt, jeder mit einem anderen gastronomischen Konzept wie iberische Schinkenspezialitäten oder Süßes. Hier wird der Gast zum Zuschauer und kann beobachten, wie Häppchen entstehen, wie die mit Manchego-Käse gefüllten Miniairbags oder die flüssigen Ravioli.
„Spanien ist das schöne Land der Lieder und des Weins“, sagte Goethe. Und beides findet man ganz sicher in den Bars.

Verwandte Artikel

Die Geschichte zweier Städte

Der reinste Luxus. „Dreist und ideal“, sagt der Regisseur Pedro Almodóvar. Mal zeigt sie sich kosmopolitisch, dann lässt sie sich...

Die Stadt, die Kantabrien frisiert

La Concha, „Pintxos“ und Chillida. Oder, was auf dasselbe hinausläuft, Meer, Gastronomie und Kultur. Das Trio, das San Sebastián am...

Der gefährlichste Weg der Welt

An den steilen Wänden der Schlucht Desfiladero de los Gaitanes in Spanien erbaut, wurde der verlassene Caminito del Rey schnell...

“Madrid ist kurz davor, eine neue Movida zu erleben“

Als Korrespondent der Zeitschrift Monocle in Spanien ist er immer über die neuesten Bars, Restaurants oder Geschäfte, die in Madrid...