>>>„Wenn ich auf der Straße arbeite, ist jeder Tag eine Überraschung.“
Wir interviewen Julien Nonnon, einen visuellen Künstler

„Wenn ich auf der Straße arbeite, ist jeder Tag eine Überraschung.“

Lemuren in Karohemden und Waschbären mit Kapuzenpullis. Das sind Ideen des französischen Künstlers, der mit seiner „Urban Safari“ den Dschungel in die Stadt bringt.
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lles begann mit einem Tiger, der in vollem Tempo durch die Straßen von Paris rannte. EIne Projektion natürlich. „Golden Tiger“ war eine der ersten Video-Mapping-Animationen, die ins Freie verlegt wurde. „Die Idee war, die digitale Kunst mit der Architektur der Straßen zu konfrontieren und zu demonstrieren, dass die Stadt ein lebendiges Wesen ist“, erklärt der französische Künstler Julien Nonnon. Heute belebt er Städte wie Madrid, Orlando und Stockholm mit Tieren, die besser gekleidet sind als Sie oder ich. Es ist seine ganz eigene urbane Safari.

Was inspiriert Sie zu Ihren Kreationen?

Zu dem Projekt „Urban Safari“ hat mich „Le Roman de Renart“, der Fuchsroman, inspiriert. Es ist eine Geschichte, in der sich zum ersten Mal Tiere über Menschen lustig machen. Die Idee war, halb tierische, halb menschliche Figuren zu schaffen, aber mit vielen Details, um eine Verbindung zu der Form zu schaffen, in der wir uns in der Stadt kleiden und wie wir agieren. Wie man Trends und Modestilen folgt, um zu fühlen, dass man zu einer Gruppe gehört. Ich wollte zeigen, dass die Tiere wie bei einer Art „wildes Casting“ in die Stadt kommen und ebenfalls dazu gehören können.

Projection by Julien Nonnon in Paris
Seine Kreation „Golden Tiger“ war eines der ersten Projekte dieser Art, die im Internet erschienen

Wie suchen Sie die Standorte für Ihre Projektionen aus?

Ich suche nach den besten Orten und fotografiere sie mit dem iPhone. Außerdem notiere ich mir die Geodaten, um genau zu wissen, wo das ist. Bei anderen Gelegenheiten denke ich ‚diese Figur passt perfekt zu diesem Gebäude oder an diese Fassade‘. Es ist eher eine Frage der Inspiration… Ich versuche, mit der städtischen Architektur und auch mit den Leuten vor Ort zu interagieren.

Wenn Sie Ihr Projekt auf der Straße realisieren, erleben Sie die Reaktionen der Leute…

Wenn ich auf der Straße arbeite, ist jeder Tag eine Überraschung. Viele Leute kommen näher und wir unterhalten uns über meine Kreationen, aber auch über andere Themen. Das Eigenartige ist, dass immer dasselbe passiert, wenn wir mit diesen vergänglichen Projektionen in den Straßen beginnen. Die Leute bleiben stehen, machen ein Foto mit ihrem Handy und kommen näher, um mit mir zu reden. Und ich war schon in luxuriösen Gegenden, in Vorstädten… Es ist egal, welcher Altersklasse oder sozialen Schicht sie angehören.

Ist das Projekt in jeder Stadt anders?

Ja, absolut. Jedes Erlebnis ist komplett einzigartig. Zunächst aufgrund der Architektur. In Madrid beispielsweise waren wir beim Festival PhotoEspaña mit einer Projektion im botanischen Garten. Es war unglaublich, diesen Ort eine ganze Nacht lang für uns zu haben. Aber vor allem durch die Leute. In der ersten Nacht in Orlando folgten uns rund 40 Menschen von einem Ort zum nächsten. Plötzlich fing es an, stark zu regnen, und die Leute halfen uns; sie holten Regenschirme heraus, halfen uns mit der Ausrüstung… Alle Welt lässt sich schnell in solche Erlebnisse einbeziehen.

Projection by Julien Nonnon in Paris
„Le Roman de Renart“ ist eine Sammlung von Gedichten aus dem 12. und 13. Jahrhundert

Was gefällt Ihnen an Ihrer Arbeit am meisten?

Eines der Dinge, die mir am meisten gefallen, ist Leute kennenzulernen. Ich habe auch viel geschenkt bekommen. Keine Blumen oder Pralinen, sondern besondere Geschenke. Als wir in Stockholm waren, spielte zum Beispiel ein Orchester während der Projektion von „Urban Safari“. Oder die Tatsache, dass man uns unsere Projektionen am Rathaus machen lässt.

Wo würden Sie Ihre Kunst gerne projizieren?

Mein Traum ist eine Projektion in New York, vielleicht in der Wall Street. In den nächsten Monaten hoffe ich außerdem, nach London und Berlin gehen zu können. Es ist ein sehr flexibles Projekt, ich kann es überall umsetzen. Wir fragen nie um Erlaubnis, denn es ist ja nur Licht. Wenn irgendetwas passiert, schalte ich einfach den Projektor aus. Es hinterlässt keine Spuren, macht keinen Lärm, es wird nichts beschädigt… Wir bieten eher etwas an, als etwas aufzudrängen.

BIO

Julien Nonnon versteht sich als Autodidakt. Der französische Künstler interessiert sich für alles, was mit Bildern zusammenhängt: Fotografie, Video, Animation, Grafikdesign... Aus einer Kombination mehrerer dieser Techniken entstand seine „Urban Safari“. Darüber hinaus ist er einer der Gründer des Kreativstudios Le3.

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