>>>„Mehr als meine Arbeit sind die Wände mein Lebensstil“
Wir interviewen den Streetart-Künstler Guido van Helten, der sich auf Wandbilder in Großformat spezialisiert hat.

„Mehr als meine Arbeit sind die Wände mein Lebensstil“

Eine verlassene Fabrik, ein Getreidesilo oder ein Kernreaktor aus Tschernobyl sind Beispiele der Orte, die Guido van Helten wählt, um seine Porträts in Großformat darzustellen.
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it nur einer Farbe und viel Hingabe ist der Australier Guido von Helten in der Lage, Steinwänden Leben zu verleihen und sie mit Gesichtern, Händen und Kleidung zu versehen. Dieser Streetart-Künstler hat sich auf Wandbilder in Großformat spezialisiert und Wände auf der ganzen Welt neu erfunden: von den grausamen Mauern in Tschernobyl bis hin zu einer Weinkellerei in Rioja. Seine fotografische Detailliertheit und seine Interaktion mit der lokalen Bevölkerung machen aus seinen Werken eine Pilgerstätte und bringen neues Leben in die Stadtteile, in denen sie sich befinden.

Wie wurde aus deiner Liebe zum Graffiti ein Beruf?

Seitdem ich 15 bin, habe ich nicht aufgehört zu arbeiten. Ich liebe es zu malen und glaube, wenn man das, was man liebt immer weiter tut, es schließlich zu einer Arbeit wird, die einen definiert. Ich habe Kunst studiert, doch meine Fähigkeiten habe ich mir im Laufe der Zeit und anhand meiner Hingabe zum Graffiti mehr angeeignet als in den Unterrichtsräumen.

Murals on OK Foods factory, in Arkansas (USA)
Die Wandbilder an der Fabrik OK Foods in Arkansas (USA) wurden in weniger als zwei Wochen gemalt.

Was ist der Unterschied zwischen Wandmalerei und Streetart?

Ich denke, dass beide Wörter nur Bezeichnungen sind, die Menschen nennen diese neue Kunstbewegung der Wandbilder in Großformat normalerweise Streetart. Ich schätze, dass Graffiti und Streetart mehr das Gefühl von Energie und Schnelligkeit verleihen, während Wandmalerei traditioneller zu sein scheint.

Was bedeuten die Wandbilder für dich?

Eine Kombination aus Arbeit, Leidenschaft und Liebe. Mehr als meine Arbeit sind sie mein Lebensstil.

Wie gehst du mit einem so großen und komplizierten Format um?

Ich habe Techniken entwickelt, die mir helfen, aber hauptsächlich geht es um Praxis. Ich benutze verschiedene Materialien, vor allen Dingen Sprühfarben und normale Acrylfarbe. Bevor ich mit einem Projekt beginne, untersuche ich den Ort und führe eine enorme Arbeitsplanung durch. Es ist ein komplizierter Prozess, der viel Zeit in Anspruch nehmen kann, da ich die Oberfläche und alle ihre Details kennenlernen muss, um mich beim Malen auf ihr zu orientieren.

Wo hat es dir am meisten Spaß gemacht zu arbeiten?

Ich habe sehr viel Spaß an einem Projekt auf einem Silo in Brim in Australien gehabt. Es stellte eine Veränderung für die Stadt und ihre Bewohner dar und hat sich in eine Sehenswürdigkeit verwandelt. Es ist eine große Belohnung zu sehen, dass deine Arbeit dazu beiträgt, die Gemeinde zu verändern, die sich ihrer angenommen hat. Im Sommer 2016 habe ich ein interessantes Wandbild in einer Weinkellerei in Laguardia (Rioja Alavesa, Spanien) erstellt, das ebenso zu meinen Favoriten gehört. Dort haben wir den Herstellungsprozess des Weines mit der Literatur vereint. Lange habe ich auch in nordischen Ländern wie Island, Dänemark und Finnland gelebt und gearbeitet. Besonders interessiert es mich an Orten zu arbeiten, an denen es bereits ein Wandbild gab, das macht es sehr interessant.

Du arbeitest mit Porträtaufnahmen von Menschen, die aus der Gegend stammen, in der du gerade malst. Wie wählst du diese Personen aus?

Ich interessiere mich sehr für dokumentarische Fotografie und mache bei meinen Reisen selber Aufnahmen. An den Orten, an denen ich arbeite, versuche ich so viele Bilder wie möglich mit meiner Kamera einzufangen, mich mit den Menschen zu unterhalten und alles nur Mögliche über den Ort zu erfahren, bevor ich mit meinen Projekten beginne. Es ist wichtig, dass die Bilder, die ich auf den Wänden darstelle, kulturell gesehen zu diesem Ort und seinen Menschen passen.

Water deposit in Winton
Der Künstler ehrte die freiwillige Feuerwehr von Winton (Australien) mit dem Porträt einer ihrer Männer auf einem Wasserdepot.

BIOGRAPHIE

Guido von Helten wurde in Brisbane (Australien) geboren. Seit seinem 15. Lebensjahr begeistert er sich für Graffiti. Spezialisiert auf Wandbilder in fotografischem Großformat hat er seine Spuren in Ländern wie Australien, der Ukraine, Spanien, Island, Mexiko oder den USA hinterlassen. Viele seiner Wandbilder wurden auf ungewöhnlichen Leinwänden erstellt, wie einem Kernreaktor der Zentrale in Tschernobyl, einem Getreidesilo oder den Weindepots einer Weinkellerei.

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