>>>„Ich wollte den Lebensstil meiner Generation dokumentieren“
#385 – Pema, 22 Jahre. Buddhistischer Student. Katmandu, Nepal.
Foto: ©John Thackwray
Wir haben den Fotografen John Thackwray, Urheber des Projekts „My Room Photos“ interviewt.

„Ich wollte den Lebensstil meiner Generation dokumentieren“

Der Fotograf John Thackwray besuchte 55 Länder, um die Generation der „Millennials“ zu porträtieren. Im Rahmen seines Projektes „My Room Photos“ hat er die Arbeit aus sechs Jahren jetzt in einem Buch veröffentlicht.
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lles begann mit dem Foto eines Freundes, der in Paris lebte. Sechs Jahre und einen Traum brauchte es von diesem Zimmer in der französischen Hauptstadt bis zu den 1200 Jugendlichen, die John Thackwray für „My Room Photos“ fotografiert hat. Sein Ziel, das er inzwischen erreicht hat, war es, die Generation der 18- bis 30-Jährigen in den Räumen zu porträtieren, in denen sie schlafen. Wie Thackwray erklärt, müssen das nicht unbedingt Schlafzimmer sein. Ein junger Buddhist in einem Tempel in Nepal, ein Gefängnisinsasse in Mexiko und ein Palästinenser in einem Flüchtlingslager … Eher als ein Fotoprojekt ist es die soziologische Studie der Vielfältigkeit der Welt über die nächste Generation, die sie beherrschen wird. Zu jedem Foto gehört der Kommentar des Porträtierten. Hundert von ihnen wurden im Buch „My Room, Portrait of a Generation“ zusammengestellt.

Wie kam Ihnen die Idee zu „My Room Photos“?

Ich fotografiere, mache Videos und Dokumentationen, aber im Rahmen meiner persönlichsten Arbeit widme ich mich den Menschenrechten und den Problemen der Menschheit. Mithilfe von Fotos, Ausstellungen und Konferenzen versuche ich, diese Botschaft weltweit bekannt zu machen. So entstand nach und nach „My Room Photos“. Ich wollte den Lebensstil und die Kultur einer Welt dokumentieren, die sich immer schneller verändert.

Yelda, 18-year-old student from Kazakhstan.
#458 – Yeldar, 18 Jahre. Student. Schambyl, Kasachstan.
Foto: ©John Thackwray

Welche Bilanz ziehen Sie aus den sechs Jahren, die Sie diesem Projekt gewidmet haben? Was haben Sie erfahren?

Ich habe viel Zeit und Energie investiert. Einfach, weil ich dachte, wenn ich es nicht mache, macht es niemand. Alles verändert sich so schnell, dass es mir wichtig erschien, den Lebensstil meiner Generation zu dokumentieren. Ich bin davon überzeigt, dass dieses Projekt in der Zukunft sehr geschätzt wird. Ich habe gelernt, dass Ungleichheit und Ignoranz die wichtigsten Probleme der Menschheit sind und dass wir alle dagegen ankämpfen müssen. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Jugendlichen von heute die Welt von morgen gestalten. Ich hoffe, dass diese Fotos den Menschen stärker bewusst machen, wie die Welt um uns herum ist.

„Ich hoffe, dass diese Fotos den Menschen stärker bewusst machen, wie die Welt um uns herum ist.“

Wie nehmen Sie zu den Jugendlichen, die Sie fotografieren, Kontakt auf? Müssen sie irgendeine Bedingung erfüllen, um Teil des Projektes werden zu können?

Die Fotografierten zu überzeugen, macht 95 Prozent meiner Zeit aus. Der eigentlichen Fotosession widme ich wesentlich weniger Zeit. Um an die Jugendlichen heranzukommen, greife ich auf die sozialen Netzwerke (von meiner Facebook-Seite aus) und örtliche NGOs zurück oder spreche sie gelegentlich direkt auf der Straße an. Wenn ich in ein neues Land komme, schaffe ich mir als Erstes ein Netz an vertrauenswürdigen Kontakten und bitte sie, mir bei diesem Vorgehen zu helfen. Ich habe Menschen zwischen 18 und 30 Jahren interviewt. Junge Leute in meinem Alter, zur Hälfte Männer, zur Hälfte Frauen. Das ist das einzige gemeinsame Kriterium. Ich habe Arme und Reiche, Moderne und Traditionelle, Menschen aus der Stadt und vom Land fotografiert. Ich habe immer versucht, die Menschen mit Würde abzubilden, egal ob Ingenieure oder Bauern.

Warum haben Sie für Ihre Fotos die Draufsicht, also Aufnahmen von oben gewählt?

Aus diesem Winkel erscheinen alle Details des Raums auf einem einzigen Foto. Es macht Sinn, vor allem, wenn man die Gelegenheit hat, die Fotos im Großformat zu betrachten (in den Ausstellungen). Meine Kandidaten können alles zeigen und verbergen, was sie möchten. Einige bitten mich, ihnen Zeit zu lassen, das Zimmer aufzuräumen, anderen ist das nicht wichtig. Was man auf den Fotos nicht sieht, sind die vielen Menschen um mich herum, während ich sie mache. Der Ehemann, die Eltern, Freunde, Geschwister … Es kommt durchaus vor, dass im Moment des Schnappschusses 10 Leute um mich herumstehen.

Wie viele Länder haben Sie im Rahmen des Projektes besucht? Was haben Sie auf Ihrer Reise entdeckt und welche Orte haben Sie am meisten berührt?

Insgesamt 55 Länder. Am Anfang fühlte ich mich von der Schönheit der Fotos selbst angezogen, von ihrer Komposition, ihren Farben. Aber nach und nach achtete ich mehr auf die Geschichten dahinter, wie bei den Porträts syrischer Jugendlicher, die in einem Flüchtlingslager leben. Beeindruckt haben mich auch die Spiritualität in Indien, die Gastfreundlichkeit in Russland und der verrückte Lebensstil in Japan.

Was sind die größten Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern?

Das Bedeutendste – und das wird keinen überraschen – ist die Sprache. Es gibt mehr als 6000 Sprachen auf der ganzen Welt, was die Durchführung des Projekts ziemlich erschwert hat, sogar wenn ich in der Umgebung jemanden gefunden hatte, der englisch spricht und der mir dabei half, mich verständlich zu machen. Das war das Frustrierendste, denn einige Fragen konnte ich nicht formulieren. Der andere große Unterschied, den ich festgestellt habe, ist die Vorstellung von Familie in jeder Kultur. In Afrika ist der Vater der Boss. Er ist der Einzige, dem Respekt gebührt und er trifft die Entscheidungen für alle Familienmitglieder. In vielen östlichen Ländern stehen dagegen die Kinder im Mittelpunkt der Familienorganisation und ihre Eltern bringen große Opfer für sie.

Oleg, telecommunications engineer from Russia.
#416 – Oleg, 24 años. Ingeniero de Telecomunicaciones. Novosibirsk, Rusia.
Foto: ©John Thackwraywray

Und gibt es irgendeine Gemeinsamkeit?

Die meisten haben Zugang zum Internet und zu sozialen Netzwerken, auch saudische Frauen und afrikanische Bauern. Es ist eine vernetzte Generation.

Sie haben gerade ein Buch über das Projekt herausgebracht. Was hat das für Sie bedeutet?

Für „My Room, Portrait of a Generation“ habe ich 100 Fotos ausgewählt, die meiner Meinung nach die Vielseitigkeit der Jugend der Welt veranschaulichen. Ich habe ihre Geschichten aufgeschrieben und ihnen die Gelegenheit gegeben, sich auszudrücken.

Nach Abschluss dieses Projektes – planen Sie bereits ein neues?

Ich arbeite an der Übersetzung des Buches in verschiedene Sprachen. Und das nächste wird ein langfristiges Projekt sein. „My Room Photos“ handelt von Jugend und Fotografie, das neue wird sich um Liebe und Geschichte drehen.

BIOGRAPHIE

John Thackwray wurde in Südafrika geboren. Er drehte Werbespots für große Marken und Videoclips für Musiker. Aber seine Fotoarbeit konzentriert sich auf ein soziologisches, anklagendes Porträt. Ein Teil des Projekts „My Room Photos“ wurde in Ländern wie Südafrika, Japan, China und Frankreich ausgestellt.

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