>>>Dörfer aus Büchern
Foto: Cornfield / shutterstock.com

Dörfer aus Büchern

Die apokalyptischen Prognosen, in denen das E-Book über das Papier siegt, gehen wohl nicht in Erfüllung. Das Elektronische zieht die Bremse, traditionelle Bücher haben nach wie vor ihren Platz und „Book Towns“ boomen.
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ie Vorhersagen stehen kurz vorm Scheitern. 2017 ist das Jahr, in dem angeblich die Verkäufe elektronischer Bücher die aus Papier in den USA überschreiten werden. Doch die Besorgnis der Verlagsbranche war unnötig. Der Umsatz der E-Books stagniert. Sogar die Jüngsten bevorzugen Papier: 73 Prozent der Leser zwischen 16 und 24 Jahren sagen, dass sie Papierbücher lieber mögen. Ein perfekter Rahmen für den Aufschwung der „Book Towns“ oder Bücherdörfer.
Tamara Crespo verließ den Journalismus der Städte, um eine Buchhandlung in ihrem Fachbereich zu eröffnen.
Foto: Fidel Raso

Ein Stadtteil mit literarischen Aspirationen

Noch verfügt Japan nicht über eine „Book Town“, aber über einen Stadtteil, der sich der Literatur widmet. Dieser befindet sich in Tokio und heißt Jimbocho. Rund 175 Buchhandlungen, von denen mehr als 50 mit Secondhand-Büchern handeln. Außerdem gibt es zahlreiche Fachbuchhandlungen sowie Läden, die sich ausschließlich auf Manga spezialisiert haben. Die Bücher stapeln sich bis zur Decke.

Sie sind das Ergebnis einer Bewegung, die in den sechziger Jahren entstand, um wirtschaftlich benachteiligte Dörfer wieder in Schwung zu bringen: ländliche Gebiete von historischem Interesse, die sich auf die Literatur konzentrieren, mit Buchhandlungen – hauptsächlich mit alten, seltenen oder Secondhand-Exemplaren – literarischen Treffen und Messen. Der romantische Traum eines Hipsters oder der schlimmste Albtraum eines Millennials. Heute sind die „Book Towns“ ein Anziehungspunkt für Touristen und Bibliophile.
Die erste war Hay-on-Wye in Wales, die 1962 von Richard Booth eingeweiht wurde. Sein Ziel war es „die nachhaltige ländliche Entwicklung mit dem Tourismus“ zu verbinden. In der Absicht, das Modell auf andere Länder zu übertragen, gründete er die Organisation IOB und beauftragte sie mit der Vereinheitlichung der Kriterien. Als Hauptaktivität rief er das „Hay Festival“ ins Leben, ein literarisches Treffen, das seit 27 Jahren in verschiedenen Dörfern gleichzeitig stattfindet.
Während die Buchhändler von Clunes ihre Exemplare auf der Straße anbieten, machen die Landwirte dies mit ihren frisch geernteten Produkten.
Foto: Clunes Booktown
Inés Toharia und Isaac García lebten in der Nähe von Wales, als sie Booth kennenlernten. Sie hatten die Idee, einen Buchladen zu eröffnen, und sahen ihre Chance, als Spanien sein eigenes erstes Bücherdorf gründen wollte. Der ausgewählte Ort war Urueña (Valladolid). Dort, in einem von einer mittelalterlichen Mauer umgebenen Dorf mit kaum 200 Einwohnern, eröffneten sie ihre auf Filmkunst spezialisierte Buchhandlung „El Grifilm“. Insgesamt gibt es jetzt acht solcher Läden im Ort. Die letzte Neueröffnung ist „Primera Página“ von Tamara Crespo und Fidel Raso, spezialisiert auf Journalismus, Fotografie und Reisen. „Man spürt das Gefühl innerer Andacht, welches die Bücher und die Lektüre verlangen”, erklärt Crespo. „Es handelt sich um ein Bücherdorf voller Geschichte. Uns besuchen Bücherliebhaber, denen hier ohne die Hetze der Stadt die persönliche Aufmerksamkeit der kleinen Buchhandlungen zur Verfügung steht.“
Urueña verfügt über das E-Lea-Zentrum, ein Zentrum für Lektüre und Schreiben sowie eine Buchbinderei.
Foto: Fidel Raso
Eines der wichtigsten Bücherdörfer in Europa liegt in Redu in Belgien, ganz in der Nähe von Luxemburg. Noël Anselot gründete es 1984, fünf Jahre nachdem er Hay-on-Wye in Wales besuchte. Das Dorf mit 500 Einwohnern verfügt über zwanzig Buchhandlungen, die sich in Häusern oder alten Scheunen befinden. Einige tragen den Namen von Kultbüchern wie Fahrenheit 451. Doch hier werden sie geliebt anstatt verbrannt.
Clunes in der australischen Region Victoria entstand als erste „Book Town“ auf der Südhalbkugel und organisiert literarische Themenfestivals. Neben den Buchhandlungen können Weinberge, Oldtimer-Clubs und eine Goldfundstelle besucht werden. Während der örtlichen Buchmessen nimmt der Tourismus um 20 Prozent zu.
In Malaysia befindet sich seit 2007 das erste Bücherdorf in Südostasien, Kampung Buku. Es wurde vom Staat gegründet und verfügt über einen eigenen Bereich, der Büchern über das Land gewidmet ist. 15.000 Exemplare stehen hier zum Verkauf. In Südkorea, in der Nähe von Seoul, entstand das Dorf Paju. Ein Ort, gekennzeichnet durch die Kriegskonflikte, der in den „Book Towns“ eine Möglichkeit sah „die verlorene Menschlichkeit wiederzuerlangen“.
Frankreich, Italien, Deutschland und die USA schließen sich dieser Liste an. Insgesamt haben 17 Städte innerhalb des IOB und dreißig inoffizielle nicht nur gezeigt, dass das Papier nicht vorhat, zu verschwinden, sondern dass es auch als beste Reklame für den Tourismus dienen kann. Dörfer aus Büchern – neu geboren aus der Liebe zur Literatur.

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