>>>Designliebhaber, Jerusalem ist Eure Stadt!
Foto: Dor Kedmi/ Jerusalem Design Week

Designliebhaber, Jerusalem ist Eure Stadt!

Tel Aviv ist nicht mehr das einzige „coole" Ziel Israels. Jerusalem konkurriert mit extravaganter Kunst, neuen Boutique-Hotels und modernen, aufstrebenden Stadtvierteln
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er Sonnenaufgang beleuchtet die Klagemauer, während die Gläubigen ihre Gebete in die Spalten legen – ein weit verbreitetes Bild von Jerusalem. Aber jetzt sind darauf spontane Performances von Straßenmusikern zu sehen, ebenso Underground-Clubs, in denen Craft-Bier serviert wird, oder riesengroße Graffiti, die an ultra-orthodoxe jüdische Viertel grenzt. Das historische und spirituelle Erbe der Stadt vermischt sich unweigerlich mit der zeitgenössischen Ästhetik.

Jerusalem öffnet seine Mauern – real und imaginär – für eine neue Generation junger Kreativer. Ein künstlerischer Blick in Richtung Zukunft, der auf der Tradition der Bezalel Academy of Arts and Design beruht, einer der besten Kunst- und Designschulen der Welt. Eine Ideenschmiede, für Künstler aus Israel ebenso wie für Künstler aus anderen Ländern. Als Ergebnis dieser kreativen Synergie sind Kollektive wie das Jerusalem Design Collective entstanden. Die Gruppe von neun lokalen Designern arbeitet im Stadtteil Talbiya. „Designer in Jerusalem zu sein, ist ein Statement. Es geht darum, anders zu sein und anders zu denken”, erklärt Daniel Nahmias, der Gründer der Gruppe.

bby des Hotels Bezalel
Handgefertigte armenische Keramik, die mehrere Wände des Hotels Bezalel bedeckt
Foto: Bezalel Hotel

Kreativität unter der Sonne

Im Rahmen der Jerusalem Design Week (von 7. bis 14. Juni), die 150 Designer aus aller Welt beherbergt, wird die Kunstszene in diesem Sommer ihre ganze Pracht enthüllen. Ausstellungen, Filmvorführungen, Konferenzen und Workshops finden im Hansen House, Bezeq Building, Museum für Islamische Kunst und weiteren öffentlichen Räumen statt.

Die Bereitschaft zu Einfallsreichtum und Erneuerung hat auch neue Boutique-Hotels für neue Besucher entstehen lassen. Das Hotel Bezalel – ganz in der Nähe der gleichnamigen Akademie – zum Beispiel würdigt das lokale Design der Stadt. Es befindet sich in einem restaurierten historischen Gebäude zwischen versteckten Höfen und kleinen Synagogen im Stadtteil Nachlaot und wurde vom lokalen Architektenduo Michael Ankava und Uri Ben Dror entworfen. Jeder Raum zeigt Kunstwerke aus dem berühmten Jerusalem Print Workshop, seines Zeichens ein Zentrum der grafischen Künste, und seit Jahren eine Pilgerstätte für Künstler aus aller Welt.

Die kreative Leidenschaft entfaltet sich in Form von improvisierten Street-Art-Wandbildern in der ganzen Stadt. In den engen Gassen des Marktes von Mahane Yehuda oder im alten Bahnhofsgebäude, das zu einem Treffpunkt für Kultur und Festlichkeiten umgebaut wurde, vermischen sich orientalische Handwerks- und Essensstände, aufstrebende Cafés, Straßenbahnen und bunte Graffiti. Es ist die schöpferische Kraft der Gentrifizierung, die auch den Stadtteil Hutzot Hayotzer – zwischen dem Turm von David und dem Stadtteil Mamilla –für sich gewonnen und zu einem neuen, modernen Gebiet mit Kunstgalerien, Leder- und Schmuckläden und handgefertigter Keramik geformt hat.

Yoel Moshel Salomon
Im Gegensatz zur Altstadt sind die Gebäude der neuen Stadtentwicklung in Jerusalem heterogen und isoliert

Die Mauern der Altstadt beobachten reglos den Vormarsch Jerusalems in Richtung Zukunft. Das verlassene Planetarium wird in den nächsten Monaten ein Albert Einstein gewidmetes Museum, und die neue Nationalbibliothek Israels, die vom renommierten Schweizer Studio Herzog & de Meuron entworfen wurde, öffnet im Jahr 2020 ihre Tore. Wegen (oder trotz) dieser Avantgarde ist ein Besuch des Österreichischen Hospizes obligatorisch, das die beste Aussicht auf die legendäre Stadt der Mauern bietet.

Ansichten der neuen Israelischen Nationalbibliothek in Jerusalem
Das Design der neuen Nationalbibliothek basiert auf den Traditionen der großen Bibliotheken: Die Bücher stehen im Zentrum.
Foto: Herzog & de Meuro

Ran Wolf, Direktor der Jerusalem Design Week: “Wir sehen hier ein innovatives und inspirierendes Design, und ich denke, das liegt daran, dass Komplexität Kreativität erzeugt. Das heutige Jerusalem überwindet Grenzen, und sein Design hat mehr denn je die Kraft, Kulturen zu verbinden.

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