>>>Chicago – vom Gangster zum Hipster
Die Jazzclubs füllen die Nächte Chicagos. Im Green Mill, einem der ältesten Lokale, ist zu lesen „Hier trank Al Capone“.
Foto: neal-kharawala__Unsplash

Chicago – vom Gangster zum Hipster

Die Stadt Chicago gibt nicht damit an, hip zu sein, und gerade deswegen ist sie es. Die Jugend von heute macht hier keinen Radau. Sie fährt Fahrrad, isst Hotdogs und trinkt handwerklich gebrautes Bier, während sie Musik in neu belebten Kneipen hört.
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usammen mit Portland, Austin, New York und San Francisco rangiert Chicago auf der Liste der modernsten Städte ganz oben. Aber die selbsternannte „Windy City“ entflieht Stereotypen und präsentiert keine trendigen Exzesse. Vom berühmten Lake Michigan aus sieht man die Heimat der ersten Wolkenkratzer der USA und das zweithöchste Gebäude des Landes, den Willis Tower, der nach dem großen Brand von 1871 wieder aufgebaut wurde.

Chicago ist eine alte Bekannte, vor allem aus dem Film: Die organisierte Kriminalität während der Prohibition 1919 bis 1933 führt heute zu organisierten Stadtführungen durch das Chicago von Al Capone und Bugs Moran. Die legendären Gangster der Stadt teilen mit den modernen Hipstern ihre Liebe für den Untergrund (der heute allerdings gentrifiziert ist).

Interior Sawada Coffee en Chicago
Im Sawada Coffee, einer bei Hipstern sehr beliebten Industriehalle, findet man unglaubliche Mischungen wie den Topseller Military Latte, eine Mixtur aus japanischem Tee und Espresso.
Foto: patrick-tomasso_Unsplash

Unbeugsamer „american taste“

Das Restaurant Bangers & Lace repräsentiert Chicagos Liebe zu Bratwurst und gutem Bier, etwas, das nie aus der Mode kommt. Läden mit hausgemachten Donuts, vegane Restaurants und Bio-Menüs existieren Seite an Seite mit den fetttriefenden Pizzas von Lou Malnatis und den besten Hotdogs des Landes seit 1948 im Superdawg.

Über die großen Events wie das Musikfestival Lollapalooza oder das Gastronomiefest Taste of Chicago hinaus schlägt das musikalische Herz der Stadt in unzähligen Jazzclubs und in traditionellen kleinen Sälen mit Ausstellungen und Konzerten. Von den über 200 Theatern in Chicago sind die meisten unabhängige Unternehmen mit Platz für höchstens 70 Zuschauer. Das Steep Theatre und The House mit seinem fantasievollen Angebot sind Beispiele dafür.

Chicagos Authentizität lebt in seiner Bescheidenheit und in der großen Vielfalt an Gruppierungen und Subkulturen. „Die Leute hier legen sehr viel Wert auf Understatement, auf einen Stil, der weder offensichtlich noch übertrieben ist“, erklären Shane Gabier und Christopher Peters, Studenten an der Kunsthochschule von Chicago und Gründer des Medienprojektes Creatures of the Wind.

Edificio Flat Iron Arts Building en Chicago.
Beim Pilsen East Artists Open House im Kunstdistrikt öffnen einmal im Monat mehr als 30 Galerien ihre Türen. An diesem Tag kann man sich die Studien der Künstler und die verschiedenen Ausstellungen ansehen.
Foto: David Hilowitz via VisualHunt.com

Wicker Park ist eines der modernsten Stadtviertel der USA und dient seit den 80er Jahren als Schmelztiegel für neue Ideen. Im Kultfilm „High Fidelity“ hatte John Cusack hier seinen Plattenladen. Im Laufe der Jahre erfuhr der Stadtteil eine Reihe von Liftings und mauserte sich zum perfekten Terrain für coole Bewohner. Die Blocks Milwaukee, North und Damen (sechs Straßenzüge) beherbergen die legendäre Konzerthalle The Double Door, den mythischen Secondhand-Plattenladen Reckless Records und das ikonische Flat Iron Arts Building, seit Jahrzehnten ein Treffpunkt für Künstler und Musiker aller Genres.

Die künstlerische Avantgarde setzt ihren Fokus auf den Stadtteil Pilsen. Das Viertel ist bekannt für die Mischung an Nationalitäten und seine mexikanische Küche. Ebenso bemerkenswert sind die Straßenmalereien wie das lebhafte Werk „Increíbles Las Cosas Q’ Se Ven“ des Künstlers Jeff Zimmermann und die zahlreichen Kunstgalerien. Davon umgeben Taco-Läden wie der „Canton Regio“ der Familie Gutierrez, seit über 50 Jahren illustre Nachbarn im Viertelund viele weitere Besonderheiten wie das Museum und Geschäft Architectural Artifacts – über 7000 Quadratmeter voller außergewöhnlicher Antiquitäten.

Der neue „Hype“ für 2017 ist der Stadtteil West Side, Ukrainian Village. Orthodoxe Kirchen, Museen und alte ukrainische Delis mischen sich mit Modegeschäften, Restaurants und immer beliebteren Lokalen wie dem Rainbo Club.

Mit snobistischer Pose und dem Wind bewegt sich Chicago schnell. Wie Mark Twain sagen würde: „Es ist unmöglich, dass ein gelegentlicher Besucher mit Chicago Schritt halten kann, das seine Prognosen schneller erfüllt, als man sie treffen kann. Diese Stadt ist immer neu und niemals das Chicago, das man beim letzten Mal erlebt hat.“

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