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Auferstehung der Stadtviertel

Kann sich ein verrufener Vorort in den schicksten Stadtteil verwandeln? New York, Barcelona, Hongkong und Buenos Aires wissen, dass es geht. So haben sie die Gentrifizierung erlebt.
Die Durchschnittsmiete im Stadtteil Harlem (New York) ist zwischen 2002 und 2014 um 90 Prozent angestiegen. Bis in die Achtzigerjahre lebte jedoch ein Drittel der dort ansässigen Familien von den Unterstützungsleistungen der Regierung. Doch Städte wachsen und verändern sich. Eine der aktuellen städtischen Verwandlungen ist die Gentrifizierung. Dabei wird die ursprüngliche Bevölkerung eines Stadtteiles durch eine Bevölkerung mit höherer Kaufkraft verdrängt, was wiederum einen Anstieg der Preise von Wohn- und Geschäftsimmobilien nach sich zieht. Daher auch seine Bedeutung: das englische Wort „gentrification“ stammt von „gentry“ (gehobenes Bürgertum) ab. Die Schriftstellerin Sarah Kendzior fasst es in einem Satz zusammen: „Sie wollen in ein Andenken ziehen, das andere bereits aufgebaut haben.“
Der Strandabschnitt, an dem sich Sal Café befindet, existiert in dieser Form erst seit den Neunzigerjahren. Vorher befand sich hier ein Slum.

Früher waren hier nur Fabriken

Harlem ist nicht der einzige Trendstadtteil New Yorks. Auch der Meatpacking District, bekannt als Gansevoort Market, gehört dazu. Wo sich früher vor allem Fleischfabriken und Schlachtereien befanden, haben sich heute schicke Märkte und Restaurants angesiedelt.

Williamsburg in Brooklyn ist das eindeutigste Beispiel für eine Gentrifizierung, und zwar in einem Ausmaß, das dazu führte, dass „The New York Times“ es ihren Journalisten untersagte, es als Beispiel anzuführen. Heutzutage wurde es von Harlem abgelöst. Seine Straßen erzählen von Jazz, Swing, Kabaretts und afroamerikanischer Kultur. „The Guardian“ bestätigt, dass „Harlem immer weißer wird“.
Als Bill Clinton seine Büroräume in dem Stadtteil unterbrachte, begann der Wandlungsprozess – vom Verfall zur berühmten Nachbarschaft, von verlassenen Gebäuden hin zu luxuriösen Wohnungen und modernen Cafeterias wie Red Rooster, die Live-Musik und Fotoausstellungen bietet.
Ein weiteres Beispiel für eine städtische Verwandlung ist Puerto Madero in Buenos Aires. Eine verrufene und gefährliche Hafengegend. Niemand konnte vorhersehen, dass vier geschlossene Kais und zwei Hafenbecken sich in ein gehobenes Stadtviertel verwandeln könnten. Es gibt Geschäfte mit erstklassigen Pariser Möbeln (Roche Bobois) und Fünf-Sterne-Hotels wie das von Philippe Starck eingerichtete Faena Hotel. Die Touristeninvasion ließ es einen Teil seiner Essenz einbüßen. Doch einige wenige Restaurants wie Marcelo, halten am Ursprünglichen fest.
Eine kleine Portion Risotto mit Meeresfrüchten ist genug, um es zu schätzen zu wissen.
Gansevoort Market liegt zwischen Chelsea und Greenwich.
Foto: coloursinmylife / Shutterstock.com
Es ist einfach, die populäre Vergangenheit gewisser Stadtteile zu vergessen, während man einen biologischen Smoothie für 25 US-Dollar in einer Cafeteria mit „Marquee“-Lettern aus Glühbirnen trinkt. Deshalb bemüht sich der Tai Hang District in Hongkong, seine Wurzeln zu bewahren. Dafür behält er seine alten mechanischen Werkstätten und Lebensmittelstände unter freiem Himmel. Sie finden sich heute zwischen raffinierten Restaurants wie Go Ya Yakitori und kleinen Cafés wie La Famille und Noah Castella, wo der „roll cake“ aus grünem Tee lockt.
Ein Werk von Nathan Coley in der NDSM-Werf: „A Place Beyond Belief“. Die Skulptur wurde ursprünglich nach dem 11. September für New York geschaffen.
Auch Barcelona entkommt der Gentrifizierung nicht. Zuerst waren die Viertel Raval und Born dran, jetzt ist Barceloneta an der Reihe. Hier lebten Fischer, Reeder, Handwerker und Arbeiter der Schiffswerften von Barcelona. Die Nähe zum Meer zog aber auch die Touristen und neue Designgeschäfte an. Bei Vioko werden Schokolade und Süßwaren elegant auf Ausstellern präsentiert, als ob es sich um Diamanten bei einem Juwelier handelte. Sal Café ist ein Deluxe-Strandlokal direkt am Meer. Der Ort ist derart trendig, die alten Fischer der Gegend hätten sich das nicht im Traum vorstellen können.

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